Die Digitalisierung in der Automobilbranche

Interview mit Stephan Bille, Automotive-Vorstand bei UNITY

Dieses Interview ist erschienen in der Spezialausgabe "Automotive Consulting 2017" der Automobilwoche.

Herr Bille, vor welchen Herausforderungen steht die Automobilbranche aktuell?

Zurzeit wird die Automobilbranche von vier Themen beherrscht: Elektromobilität, Vernetzung, autonomes Fahren sowie neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen. Dabei wird die Entwicklung hin zur Elektromobilität vor allem durch  die Abgasdiskussion beschleunigt. Insbesondere die zunehmende Bedeutung mobiler Endgeräte und die steigenden Kundenerwartungen treiben die Vernetzung der Fahrzeuge voran. Der technische Fortschritt ermöglicht bereits das teilautonome Fahren, hier spielen nicht zuletzt neue Player wie Google und Tesla eine große Rolle. Mobilität entwickelt sich dank digitaler Transformation und Innovationen immer mehr zu einem End-­to-­End-­Service. Dem gegenüber steht, dass die traditionellen Automobilhersteller und auch viele Zulieferer eher „Hardware“-Hersteller sind und sich mit ihren gewachsenen Strukturen bei den genannten Trends schwertun.

Warum tun sich die Automobilhersteller und -zulieferer schwer?

Durch die zuvor genannten Trends steigen Komplexität und Kosten. Deshalb werden sich zukünftig nur die Hersteller am Markt erfolgreich behaupten, die diese Komplexität z. B. durch intelligente Entwicklungsmethoden beherrschen. Während modellbasiertes Systems Engineering dicke Lastenhefte in der Entwicklung ablöst und Kollaborationen fördert, ist der „Digitale Zwilling“ das digitale Abbild eines konkreten Fahrzeugs, das über den gesamten Lebenszyklus permanent aktualisiert wird. Damit können, neben neuen Möglichkeiten im Bereich After Sales, Fahrzeugfunktionen in Echtzeit hinsichtlich der Nutzerakzeptanz überprüft und Anforderungen an zukünftige Entwicklungen abgeleitet werden. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an das Product­-Lifecycle-­Management (PLM) und an eine IT­-Infrastruktur, die einen nahtlosen Datenfluss ermöglichen muss. Zudem haben die Unternehmen gute Chancen, die in digitale Assets investieren. Beispielsweise benötigen neue, webbasierte Geschäftsmodelle für Mobilität als Service andere Vertriebs-­ und Servicestrukturen, aber auch andere IT­-Architekturen. Einige unserer Kunden haben in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben mit entsprechenden Prozess-­ und IT-­Projekten gemacht, andere stehen erst am Anfang.

Wie wirken sich diese Veränderungen auf die Zusammenarbeit von Automobilherstellern und -zulieferern aus?

Hier sind zwei Tendenzen zu beobachten: Zum einen werden sich Zusammenarbeitsmodelle intensivieren, indem die Automobilhersteller verstärkt auf die Kompetenz der Zulieferer und der neuen Player aus dem IT-Bereich setzen. Zum anderen werden einige Automobilhersteller einen alternativen Weg gehen und versuchen, wieder mehr Wertschöpfung ins Haus zu holen, um so den Verlust an Wertschöpfung durch den Wandel zur Elektromobilität zu kompensieren.

Wie werden Fahrzeuge zukünftig produziert?

In Zukunft kommt zur Fertigung herkömmlicher und elektrischer Fahrzeuge zusätzlich die hohe Varianz durch Kundenindividualisierung hinzu. Dies setzt einen hohen Automatisierungsgrad sowie flexible Fertigungsstrukturen voraus, die das klassische Fließband nicht gewährleisten kann. Daher wird eine digitale Fabrik, die sogenannte „Smart Factory“, benötigt. In dieser kommunizieren die Anlagen untereinander und optimieren sich selbstständig. Bei all der Automatisierung wird man auf den Menschen aber nicht verzichten können.

Immer mehr Software-getriebene Player drängen auf den Markt. Wie reagiert die Automobilbranche darauf?

Unterschiedlich. Zuallererst versucht die Branche von anderen zu lernen. Aktuell wird UNITY aus den unterschiedlichsten Bereichen angefragt, um agile Entwicklungs­- oder agile Projektmanagementmethoden, analog der Scrum­ Methodik zur Softwareentwicklung, einzuführen. Viele Unternehmen haben erkannt, dass sich dieser Ansatz positiv auf Projekterfolg und ­-geschwindigkeit auswirkt. Um neue Geschäftsmodelle und Services umzusetzen, gilt das Motto „Data is the new oil“. Die Branche investiert aktuell in Start­ups, entwickelt eigene Geschäftsmodelle und richtet die gesamte Organisation auf die Digitalisierung aus. Während einige Unternehmen bereits einen Digital Officer etabliert und die Organisation konsequent auf die Herausforderungen der Digitalisierung umgestellt haben, steht anderen dieser Wandel noch bevor. Diese Unternehmen beraten wir verstärkt in Bezug auf Digital Readiness, bei der Erarbeitung einer Digitalen Agenda sowie der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Für die Entwicklung von Mobilitätsprodukten und Services ist der lückenlose Zugang zum Kunden die Grundvoraussetzung. Dafür ist die digital­basierte Fähigkeit entscheidend, jederzeit den nächstmöglichen Mobilitätsbedarf frühzeitig zu erkennen. Im Wettlauf um den Kunden und dessen Daten werden von allen Beteiligten weitere Investitionen erforderlich sein.

Ihr Ansprechpartner

  • Stephan Bille

    Mitglied des Vorstands

    +49 711 686890 31

    E-Mail senden

    Stuttgart

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